Donnerstag, 5. Januar 2017

Der Ökonom Tony Atkinson und sein Beitrag für die Armuts- und Ungleichheitsforschung


Einer der ganz großen Ökonomen ist verstorben. Tony Atkinson. In der New York Times findet man diesen Nachruf mit einem Überblick über sein wissenschaftliches Schaffen: Anthony B. Atkinson, Economist Who Pioneered Study of Inequality, Dies at 72. Und der Hinweis auf sein zentrales Lebensthema, die Ungleichheit, taucht auch in diesem Beitrag bereits im Titel auf: Der große Ungleichheitsforscher ist tot, so haben Alexander Armbruster und Gerald Braunberger ihren Nachruf in der FAZ überschrieben.
Sein wichtigstes Thema und Anliegen ist nach wie vor hochaktuell: Die gewachsene materielle Ungleichheit.
„Wollen Sie wirklich in einem Land leben, in dem sich einige Leute Tickets für Reisen ins Weltall leisten können, während andere ihr Essen von der Suppenküche beziehen müssen, obwohl sie Arbeit haben?“ So ein Zitat von ihm aus einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aus dem April 2015, unter der bezeichnenden Überschrift Eine zivilisierte Gesellschaft braucht hohe Steuern.
In diesem Interview findet man auch diesen schlichten, aber vielleicht gerade deshalb so richtigen und wichtigen Satz: »In einer ungleichen Gesellschaft gibt es auch keine Chancengleichheit.«
Tony Atkinson »studierte in Cambridge Volkswirtschaftslehre. Nach seinem Master-Abschluss im Jahr 1966 wechselte er an die Fakultät des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston.
Dort lernte er unter anderem die späteren Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Peter Diamond kennen und hörte die Wachstumstheorie-Vorlesung des ebenfalls mit dem höchsten akademischen Preis ausgezeichneten Robert Solow. Im Herbst 1967 hielt Atkinson seine erste Vorlesung über die Rolle des Staates im Wirtschaftsgeschehen (Public Finance), er lehrte darin etwa Formen und Folgen von Besteuerung, Wohlfahrt, Verteilung, Verschwendung und sogenannten Externalitäten. Grob zusammenfasst verbergen sich dahinter (unbeabsichtigte) Auswirkungen auf eigentlich Unbeteiligte.
Atkinson ... wurde sehr ... Gründungs-Redakteur eines neuen, eigens auf seinen Bereich zugeschnittenen Fach-Journals. Die erste Ausgabe des „Journal of Public Economics“ erschien im Jahr 1972 - für die erweiterte fachliche Führung der Zeitschrift gewann er unter anderem die Ökonomen Paul Samuelson, Richard Musgrave, James Buchanan und Martin Feldstein ... Für Forschungen auf dem Gebiet der Ungleichheit entwickelte er zudem das sogenannte „Atkinson-Maß“, das sich zur Berechnung von Verteilungen von Einkommen und Vermögen eignet. Stark beeinflusst durch Atkinsons Arbeiten sind moderne Ungleichheitsforscher wie der Franzose Thomas Piketty. Mit weiteren Ökonomen arbeiteten Atkinson und Piketty an der Erstellung einer Datenbank, die international vergleichende Analyse der Verteilung gestatten«, so Alexander Armbruster und Gerald Braunberger in ihrem Nachruf.


Bis vor seinen Tod war Atkinson engagiert im Kampf gegen Armut und Ungleichheit.
«Armut bei uns ist eine Schande», so ist beispielsweise ein Interview mit ihm überschrieben, das am 27.08.2016 im Tages-Anzeiger aus der Schweiz veröffentlicht wurde: »Der Ökonom Sir Tony Atkinson will mit einer globalen Steuerpolitik die wachsende Ungleichheit bekämpfen. Mindestlöhne oder Grundeinkommen sind weitere Rezepte.«

Im Blog der Weltbank ist nun dieser Beitrag veröffentlicht worden: Tony Atkinson (1944 – 2017) and the measurement of global poverty:
»Within the broad field of public economics, Tony published path-breaking work on the measurement, causes and consequences of poverty and inequality.«
Francisco Ferreira weist in dem gemeinsam mit Ana Revenga verfassten Beitrag auf die wichtige Rolle von Atkinson bei der Beratung der Weltbank hin - »his chairmanship of the Commission on Global Poverty, convened in 2015 by Kaushik Basu – then World Bank Chief Economist – to advise the Bank on how better to monitor the world’s progress towards ending extreme poverty, and on how to measure global poverty more broadly.«
Die "Atkinson Commission" hat im Oktober 2016 den Abschlussbericht der Kommissionsarbeit veröffentlicht:
Tony Atkinson et al. (2016): Monitoring global Poverty. Report of the Commission on Global Poverty, Washington:  International Bank for Reconstruction and Development / The World Bank, 2016
In dem Abschlussbericht der Kommission werden 21 konkrete Empfehlungen gegeben - eine zusammenfassende Übersicht und eine Darstellung, wie die Weltbank diese Empfehlungen aufgenommen hat, findet man in diesem Text: A Cover Note to the Report of the Commission on Global Poverty vom 18. Oktober 2016.

Ein schon seit langem, derzeit aber wieder einmal ganz besonders heftig diskutiertes Konzept in der Diskussion über Möglichkeiten der Armutsbekämpfung ist das des "bedingungslosen Grundeinkommens". Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu lesen, was das Basic Income World Network (BIEN) in dem Nachruf Sir Tony Atkinson, economist and “gentleman scholar”, verfasst von Kate McFarland, über Atkinson schreibt:
»In his last major work, Inequality: What Can Be Done? (2015), Atkinson presented 15 proposals to curb income and wealth inequality in developed nations. These include a national participation income and an unconditional basic income for children. Similar to a basic income, a participation income grants all members of society a right to a secure livable income. However, as its name suggests, a participation income is subject to a participation requirement. On Atkinson’s view, this requirement might be satisfied by not only paid employment but also caregiving, volunteer work in one’s community, full-time education, or other socially valuable activities. Although he advocated for a participation requirement, Atkinson was an important contributor to the basic income discussion ...«
Atkinson plädierte für universalistisch ausgerichtete Transferleistungen, war allerdings skeptisch gegenüber dem Aspekt eines "bedingungslosen" Grundeinkommens, deshalb sein Plädoyer für ein "participation requirement". Offensichtlich hatte Atkinson ein Problem, das sich auch vielen anderen stellt, wenn es um die Frage der Verwirklichungschancen eines Grundeinkommens geht:
»Early in his career he recognised the desirability of Basic Income, but worried that it might be publicly and therefore politically unacceptable to give to everyone an income unconditionally: hence his proposal for a Participation Income.«
So die Anmerkung von Malcolm Torry, BIEN co-secretary and Director of the Citizen’s Income Trust.

Sell, Stefan (2017): Der Ökonom Tony Atkinson und sein Beitrag für die Armuts- und Ungleichheitsforschung, Aktuelle Wirtschaftspresse, 05.01.2017